Leseprobe: In der Festung

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In der Festung


Bizarre Lichter wirbelten vor ihren Augen. Langsam schwebten sie durch den zeitlosen Zwischenraum. Sie hielten sich fest an den Händen, so wie Edolfin es ihnen geraten hatte. Sie hatten zwar schon bei ihren Sprungversuchen die Bodenlosigkeit des Zwischenraums kennengelernt. Aber die Situation jetzt flößte Angst ein. Ganz fest krampften sich ihre Hände ineinander, um nur ja nicht auseinandergerissen zu werden.
Urplötzlich waren die Farben verschwunden, und sie fanden sich auf einem Hof in unmittelbarer Nähe einer dicken Mauer mit spitz zulaufenden Nischen wieder. Gleißendes Sonnenlicht durchstrahlte den Hof, sodass sie blinzeln mussten, um überhaupt etwas sehen zu können. Langsam nur gewöhnten sie sich an die Helligkeit. Erik hatte als erster den Durchblick und zog die anderen schnell in eine Mauernische hinein, damit sie nicht gleich zu Beginn ihrer Mission entdeckt würden.
Alle Mauern, die den großen, rechteckigen Hof umgaben, boten ähnliche Nischen auf und waren allesamt aus hellbeigem Stein gearbeitet.
Verschüchtert drückten sie sich in die Ecke ihrer Nische aus Angst gesehen zu werden und versuchten erst einmal zur Ruhe zu kommen. Der Flug durch den Zwischenraum hatte sie mehr angestrengt als erwartet. Gespannt lauschten sie, ob es Geräusche gab. Kein Laut war zu hören. Einzig ein heftiger warmer Wind fegte rauschend durch den Hof und wirbelte gehörig viel Staub auf. 
Vorsichtig steckte Justus seine Nase um die Ecke und versuchte, sich einen Überblick über ihren Standort zu verschaffen. Nichts war in diesem Hof zu sehen, nur gleißende Helligkeit. Die Mittagssonne stand hoch am Himmel und sandte ihre heißen Strahlen in den Hof.
Auf der anderen Seite, schräg links ihrer Nische gegenüber, befand sich ein Durchgang.
»Da drüben«, flüsterte er, »gibt es einen Durchgang. Vielleicht führt der uns aus dem Hof hinaus.«
Der Wind pfiff jedoch so heftig, dass seine Freunde ihn nicht verstanden. Er brüllte seine Entdeckung Erik direkt ins Ohr, der die Info ebenso weitergab. Miriam zeigte durch starkes Gestikulieren an, dass sie es besser fand, erst einmal die Klamotten zu wechseln. 
Sie fassten sich an den Händen, wie Edolfin es ihnen empfohlen hatte, und Joseph sprach: »Vestes mutamines!« Aber nichts tat sich.
Betroffen schaute er auf seine Kleider und dann auf die Freunde. Er versuchte es noch einmal mit einer anderen Betonung: »Vestes mutamines!« Wieder nichts! Dabei wollte er doch stolz seine Verwandlungskünste beweisen.
»Heißt das nicht anders?«, brüllte Martin gegen den Wind an. Hilfesuchend sah er von einem zum andern. »Was hat Edolfin nochmal genau gesagt?«, fragte Pauline. Ihr Blick zeigte, dass sie sich nicht mehr richtig erinnern konnte. Panik stieg in ihr auf. Wenn ihr Unternehmen jetzt schon mit einer Panne begann, wie würde das dann nur weitergehen? Dummerweise hatte Edolfin den Verwandlungsspruch nur einmal genannt.
Erik deutete an, dass er dem Problem anders beikommen wollte. Er hockte sich hin und schrieb mit dem Finger in den Staub: „Form von mutare ist mutamini!“ Justus las die Info, hockte sich neben ihn und ergänzte die ganze Formel: „Vestes mutamini!“.
Erleichtert atmeten sie auf. Schnell fassten sie sich wieder an den Händen, und Justus sagte einigermaßen verständlich: »Vestes mutamini!«
Schon waren sie in die merkwürdigsten Kleider gehüllt. Befreiendes Lachen war die Folge. Nur leider hatten sich ihre festen Schuhe in einfache Sandalen verwandelt. Aber das war jetzt das geringste Problem, das konnte vielleicht noch später gelöst werden.
Joseph suchte in der Tasche seiner fremd aussehenden Hose nach seinem Messer, das tatsächlich noch vorhanden war. Auch auf Miriams Rücken befand sich etwas Ähnliches wie ein Rucksack, das aber jetzt eher einem Minisack glich. Die Verwandlung hatte somit genauso funktioniert, wie Edolfin es prophezeit hatte.
Wieder schaute Justus in den Hof und zeigte auf den Durchgang auf der anderen Seite. Im nächsten Augenblick flitzte er schon über den Hof. Deckung suchend bewegte er sich von Mauernische zu Mauernische, bis er zum Durchgang kam, um durch ihn zu verschwinden.
Die anderen hielten den Atem an. Wenn jetzt jemand käme und sie entdeckte. Angespannt warteten sie in ihrer Nische auf ein Zeichen von Justus.
Die Sekunden vergingen wie im Schneckentempo. Endlich kam er um die Ecke des Torbogens gerannt. Im Nu hatte er den Hof überquert und ließ sich außer Atem in den Staub sinken. Zum Schutz vor unliebsamen Entdeckungen hatten sie sich tief in eine Nischenecke zurückgezogen. 
Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, berichtete er die wichtigen Neuigkeiten, die er sich eingeprägt hatte.
»Stellt euch vor, es gibt noch eine Reihe weiterer Höfe, die alle aneinandergrenzen. Alle haben breite Treppen, die zu einem höheren Stockwerk führen. Genau wie die hier um die Ecke.« 
Dabei wies er nach links, wo die besagte Treppe, die er auf dem Rückweg auf ihrer Hofseite gesehen hatte, nach oben auf die Mauer führte. 
»Im nächsten Hof habe ich eine eisenbeschlagene Tür entdeckt. Ich hab‘ versucht, sie zu öffnen, ging aber nicht. Da war ein riesiges altertüm-liches Schloss dran. Keine Chance. Vielleicht haben wir ja eine bessere Möglichkeit, wenn wir hier raufsteigen.« 
»Gab‘s sonst noch was zu sehen?«, wollte Martin wissen.
»Ich war noch in einem weiteren Hof, der sich unmittelbar an den benachbarten anschließt. Aber der ist vollkommen anders angeordnet, als dieser hier. Da gibt es in einer Ecke einen alten Ziehbrunnen mit ein paar Bäumen und Sträuchern. Vielleicht können wir uns da Wasser besorgen.«
Atemlos hörten sie ihm zu. Gleich zwei Höfe zu inspizieren, war schon sehr mutig. Die Situation, in der sie steckten, war echt beklemmend. Bei aller Spannung, die sich durch Justus‘ Erzählung aufgebaut hatte, kamen sie sich doch recht verloren vor. Jeder von ihnen versuchte im Moment damit klar zu kommen.
Erik war inzwischen aufgestanden und lugte vorsichtig um die Ecke, um die Lage zu checken. Er sah auch die Treppe, die weiter links an der Mauer entlang nach oben führte. Der Hof selbst war immer noch leer und verlassen. Der Wind hatte an Intensität abgenommen und heulte jetzt nicht mehr so laut, doch die Luft war noch reichlich staub-geschwängert. 
»Am besten ist«, schlug er vor, »wir huschen schnell die Treppe hinauf und sehen, dass wir dort oben einen Eingang finden, durch den wir ins Innere gelangen können. Was meint ihr?«
Da der Aufenthalt in dieser Nische sie nicht weiterbrachte, stimmten sie ihm zu. Umgehend packten sie das Wenige, das sie bei sich trugen, zusammen und verließen einer nach dem anderen ihr geschütztes Versteck. 
Gebückt rannten sie auf die Treppe zu, um möglichst ungesehen die nächsthöhere Ebene zu erreichen. Fast hätte Martin aufgebrüllt. Beim Versuch gleich zwei Stufen auf einmal zu nehmen, war er mit seinem Fuß heftig gegen die Steinstufe gestoßen, die höher war, als er angenommen hatte. Humpelnd versuchte er Anschluss zu halten.
Kaum oben angekommen, hörten sie von unten Geräusche, die wie schwere Schritte klangen. Hastig warfen sie sich auf den Boden und schauten vorsichtig über die Mauerkante nach unten in den Hof, um sich im nächsten Moment sofort wieder zurückzuziehen. Gerade noch rechtzeitig. Schon bogen zwei in schwere Kettenhemden gekleidete Ritter in den Hof und gingen zielstrebig in die Richtung, wo sie zuvor noch in der Nische gehockt hatten. Die Ritter verschwanden in einer weiteren Mauernische, die ihnen vorher nicht aufgefallen war. 
Ein schwerer Schlüsselbund klirrte, dann hörten sie das Knirschen eines Schlüssels in einem Eisenschloss. Kurz darauf schlug eine Eisentür ins Schloss. Gespenstische Ruhe machte sich breit. Der Wind hatte fast vollständig aufgehört zu heulen, und der Hof lag still in der mittäglichen Hitze.
»Kommt«, flüsterte Justus, »lasst uns keine Zeit verlieren. Wir müssen hier weg.« Schon sprang er auf und hastete die Mauer entlang. Sie rannten bis zur nächsten Ecke, wo sich vor ihnen ein kleiner Platz auftat. Auf der anderen Seite ragte eine mächtige Zitadelle in die Höhe.
An verschiedenen Stellen des Hofes hatte sich die Natur einen Teil der Anlage wieder zurückerobert. An der Mauer der Zitadelle standen mehrere unterschiedlich große Büsche, und auch vereinzelte kleine Bäume waren zu sehen. Die Büsche boten eine gute Möglichkeit sich zu verstecken, wenn unverhofft jemand auftauchen sollte. 
»Was ist?«, fragte Joseph seine Freunde, »wollen wir rüber? Hier knallt die Sonne total auf uns drauf, und drüben ist‘s schön schattig.«
Schweiß rann aus allen Poren und ließ ihre Kleider am Leib kleben. Auf diese Hitze waren sie nicht vorbereitet. »Edolfin hätte uns auch sagen können, wie heiß es hier ist«, beklagte sich Pauline. Unablässig wischte sie sich den Schweiß von der Stirn.
»Also los«, spornte Justus seine Freunde an. Ein kurzer Blick über den Hof, und schon hasteten sie quer hinüber auf die andere Seite mitten unter die Büsche im Schatten der Mauer. Hier konnten sie ein wenig die Kühle an der Wand genießen. Direkt hinter den Büschen, ziemlich versteckt, bemerkten sie eine Tür. 
»Was meint ihr, wollen wir versuchen, ob sich die Tür öffnen lässt?« Martin war voller Tatendrang. Sie betrachteten die schwere Eisentür, die natürlich dazu verlockte, sie näher zu inspizieren. Sie war reich verziert mit unendlich vielen Nägeln und mit verschiedenen fremdartigen Symbolen. In der Mitte prangte ein großes Kreuz, dessen Enden gespalten waren. Justus versuchte sich gerade zu erinnern, woher er dieses Kreuz kannte, als ihn Erik bei seinen Überlegungen störte.
»Seid mal leise!«, unterbrach ihn Erik. »Hört ihr das?«
Er hielt eine Hand an sein Ohr, um besser hören zu können und die anderen anzuhalten still zu sein. Ein Rauschen war zu vernehmen. Es kam von jenseits der Mauer, an der sie gerade noch entlang gelaufen waren.
»Das hört sich an wie Meeresrauschen«, vermutete Miriam. 
»Sekunde, das haben wir gleich«, und im nächsten Moment stand Joseph wieder auf der anderen Seite und versuchte einen Blick zwischen den Zinnen hindurch. Weit unter sich konnte er die Wellen des Meeres an die Felsen schlagen sehen, auf denen die Festung errichtet war.
Im Nu war er zurück, um den anderen von seiner Entdeckung zu berichten. Aber kaum war er wieder bei seinen Freunden, da hörten sie, wie sich von innen jemand an der Tür zu schaffen machte. 
Ängstlich duckten sie sich tief ins Gebüsch. Sie machten sich so klein wie möglich, um keinesfalls entdeckt zu werden. Knarrend und quietschend schwang die Tür auf und ein Mann kam heraus. Er trug zwei Eimer voll mit Abfällen quer über den Hof. Ein übler Geruch breitete sich aus.
Er ging genau an die Stelle, wo Joseph gerade noch gestanden hatte, und entleerte die Eimer mit Schwung über die Mauerkante. Er beugte sich noch über die Mauer und warf einen kontrollierenden Blick hinab auf die Meeresbrandung. Das Meer würde die Abfälle mit der Zeit alle wegspülen. Zufrieden pfeifend kam er zurück und hielt genau auf die kleine Gruppe zu. Justus und seine Freunde waren starr vor Entsetzen und verhielten sich mucksmäuschenstill. Sie wagten kaum zu atmen. Doch er wurde durch den Schrei eines Vogels abgelenkt. So bemerkte er sie nicht und verschwand, wie er gekommen war, durch die Tür.
Erleichtert atmeten sie durch. Das hätte böse ins Auge gehen können. Schon am ersten Tag ihrer Expedition entdeckt zu werden, das wäre es gewesen.
»Das war knapp«, stellte Justus lakonisch fest. Der Schock über die zweite Fastentdeckung saß tief. Wenn ihr Unternehmen ständig solche Zwischenfälle für sie bereit hielt, würden sie irgendwann den Verstand verlieren, dessen war sich Justus sicher.
»Wir können aber nicht die ganze Zeit hier sitzen bleiben«, meinte Erik, der versuchte, wieder etwas Bewegung in sie alle zu bringen.
»Sollen wir nicht mal versuchen, ob sich die Tür öffnen lässt? Ich habe vorhin, als sie zuschlug kein Schlüsselgeräusch gehört.«
Ihre Aufregung hatte sich etwas gelegt, sodass sie den nächsten Schritt wagen konnten. Justus näherte sich leise der Tür, legte sein Ohr an das Eisen und versuchte etwas von drinnen zu hören. Das war jedoch unmöglich, da sie sehr massiv war. Joseph trat hinzu und probierte an der mächtigen Klinke herum. Er versuchte sie ein Stück herunterzudrücken, und im nächsten Moment war die Tür offen. Vorsichtig zog er an dem schweren Teil, und mit lautem Quietschen bewegte sie sich in ihren Angeln. 
Erschreckt von dem Geräusch wichen die anderen tiefer ins Gebüsch zurück und hielten den Atem an. Justus und Joseph standen wie versteinert und hielten die Tür fest, damit sie keinen weiteren Laut abgab. Dann zogen sie ganz langsam an ihr und Zentimeter um Zentimeter öffnete sie sich unter leisem Quietschen. Kalte Luft strömte ihnen aus dem Inneren wohltuend entgegen. Sie versuchten einen Blick hinein zu werfen, doch mussten sich ihre Augen erst langsam an die Dunkelheit gewöhnen, um etwas erkennen zu können. 
Da sie keine weiteren verdächtigen Geräusche hörten, zogen sie nun etwas mutiger die Tür weiter auf. Gleich darauf hatte sich Joseph durch den Spalt gezwängt und stand in einem Raum, der lediglich durch einen Kienspan erhellt wurde. Justus gab den anderen ein Zeichen und schon huschten sie alle hinterher. So leise wie möglich zogen sie die Tür wieder zu und hockten sich an die Mauer, die eine angenehme Kühle ausstrahlte. 
Erik zog seine Magic hervor, denn er erinnerte sich an Edolfins Worte, dass die Tafeln überall ihren Standort anzeigen würden. Umgehend leuchtete ihm der Grundriss des Raumes entgegen, in dem sie sich befanden. Dass die Magic unzweideutig ihren Standort in aller Deutlichkeit wiedergeben würde, hätten sie sich nicht träumen lassen. Doch die Tatsache, dass es so war, machte sie wieder etwas zuversichtlicher.
Justus hatte sich währenddessen umgesehen und auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes das Geländer einer Treppe gesichtet, die in die Tiefe führte. Mutig schlich er hinüber und lauschte nach unten, konnte aber nichts Verdächtiges vernehmen.
Er winkte die anderen heran, und im nächsten Augenblick standen sie alle am Treppengeländer. Angestrengt horchten sie in die Tiefe. 
»Was machen wir jetzt?«, fragte Pauline leise. Die Angst entdeckt zu werden, stand ihr im Gesicht geschrieben. »Sollen wir da hinunter?«
»Es bleibt uns nichts anderes übrig«, flüsterte Erik zurück. »Aber Sekunde, unsere Magics können uns doch anzeigen, ob da jemand ist. Das kennen wir doch aus der Bibliothek.«
Wieder inspizierte er seine Tafel. Sie zeigte ihm nur Leere an, was wohl soviel bedeutete, dass in der Nähe der Treppe niemand war. 
Auch Miriam hatte ihre Magic hervorgeholt und auch darauf war nichts zu sehen, als lediglich der Grundriss des Raumes und die Treppe.
»Wollen wir‘s wagen?« Sarah war es schummerig zumute. Was würde sie da unten erwarten? Und was wäre, wenn doch jemand käme, während sie sich noch auf der Treppe befänden? Wie schnell konnten sie wieder hier heraufkommen? Gerade dachte keiner von ihnen an die verschiedenen Möglichkeiten sich retten zu können, zum Beispiel durch einen Sprung an einen anderen Ort. Aber würde das auch im Moment einer großen Aufregung funktionieren? Diese Gedanken schossen Sarah durch den Kopf. Aber darüber nachzusinnen, hatten sie jetzt nicht genügend Zeit. 
»Kommt, wir können schließlich nicht hier herumstehen und Wurzeln schlagen. Solange sich niemand auf der Magic zeigt, sind wir auf der sicheren Seite«, befand Justus. »Wir können ja einen von uns bestimmen, der seine Magic immer bereit hält, um auf eventuelle Gefahren aufmerksam zu machen.«
Sie sahen sich an und die Wahl fiel auf Miriam. Sie nickte nur kurz, und damit war die Frage geklärt.
»Also los, auf ins Gefecht«, gab Joseph die Devise aus. Seine Freunde staunten nicht schlecht über seinen Mut, den er schon die ganze Zeit bewiesen hatte. Er wurde hier zum richtigen Abenteurer.
Im nächsten Moment lief er gewandt die Treppe hinunter, sehr bemüht, leise zu sein. Die anderen huschten hinterher. Sie mussten höllisch aufpassen, es war kein Geländer vorhanden und die Treppe führte recht steil nach unten. An den Wänden brannten in regelmäßigen Abständen Kienspanfackeln, die ein schummeriges Licht abgaben. Ihr Rauch stieg in dünnen Schwaden hoch und verteilte sich entlang der Decke. Die Luft in diesem beengten Treppenabgang war hier trotz des Rauchs angenehm frisch und kühl. Es musste also von irgendwoher eine Frischluftzufuhr kommen. Aber darauf zu achten war jetzt nicht die Zeit, sie hatten schon genug damit zu tun, ihre Aufregung und Anspannung zu unterdrücken, die mit jeder weiteren Stufe nach unten stiegen.
Unten angekommen gab es einen kurzen Gang, der an einer weiteren Eisentür endete. Wenn jetzt jemand kommen würde, wären sie geliefert. Erik blickte Miriam fragend an, die sogleich einen Blick auf ihre Magic warf.
»Alles klar«, war ihre beruhigende Auskunft. Justus schob sich an den anderen vorbei nach vorne zur Tür, um sie näher zu inspizieren. Auch sie hatte ein mächtiges altertümliches Schloss mit einer großen Klinke, die mit Eisendübeln an der Tür befestigt war.
Er sah die anderen fragend an. Dann versuchte er die Klinke so vorsichtig wie möglich herunter zu drücken. Sie machte keinerlei Schwierigkeiten, was bedeutete, dass sie häufiger benutzt wurde. Ein kurzer, heftiger Druck und die Tür öffnete sich in einen Raum hinein, der ebenfalls durch flackerndes Licht erhellt war. Im Gegensatz zu der Türe oben zum Hof gab kein Quietschen und Knarzen.
Vorsichtig schoben sie sie weiter auf und wagten einen Blick in den dahinterliegenden Raum. Was sich da vor ihnen auftat, war der schiere Hammer. Der Raum war geradezu riesig und schien zudem unendlich hoch zu sein. Gespannt horchten sie nach Geräuschen, die von Menschen herrühren konnten. Aber es blieb alles still.
Langsam drückten sie die Tür ganz auf und betraten zögerlich den Raum. Sie blickten sich um und gewahrten ein hohes Gewölbe, das auf der einen Schmalseite durch eine Mauer begrenzt war, die im oberen Bereich ein Fenster hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich der Raum in ein weiteres Gewölbe, das sich rechtwinklig anschloss. Der Raum, der wie die Treppe durch eine Reihe von Fackeln erhellt wurde, glich einem schmucklosen Kellerraum. Die Wände bestanden aus grob behauenen quaderartigen Steinen, die bis zur Decke hinaufreichten. Die Längsseiten des Raumes waren so gemauert, dass sie im oberen Drittel zur Mitte zusammenliefen und das Gewölbe bildeten. 
Überall standen Kisten und Kästen herum. Man konnte den Eindruck gewinnen, als wären sie nur für kurze Zeit hier abgestellt, um im nächsten Moment abgeholt zu werden.
Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg hindurch, sehr darauf bedacht nicht anzustoßen und Lärm zu erzeugen. Erik wagte sich bis zur Mauerecke vor und lugte in den Querraum hinein. Er war unheimlich lang wie eine Lagerhalle mit mehreren Seitenräumen. Überall befanden sich Kienspanfackeln an den Wänden, die leise vor sich hin walkten und ihren Ruß zur Decke schickten. Unterhalb der Fackelhalter sah Erik kleine Wappen, die alle das gleiche Kreuz zeigten wie an den Türen. Alle hockten jetzt versammelt neben Erik an der Wand und wagten ebenfalls einen Blick in das Längsgewölbe.
Am hinteren Ende der Halle waren Tische aufgestellt, auf denen Kerzenleuchter den Raum zusätzlich erhellten. Plötzlich klang von dort Stimmengemurmel herüber.
»Mist«, stöhnte Justus. »Was machen wir jetzt?« Er schaute die anderen hilfesuchend an. »Wir können doch schlecht hier hocken bleiben.«
Miriam wagte sich nochmals vor und konnte erkennen, wie Männer mit weißen Umhängen in der Nähe der Tische das Gewölbe durchschritten und durch eine Tür am Kopfende des Gewölbes verschwanden. Gespenstische Ruhe kehrte ein.
Ratlos und stumm blickten sie sich an. Hier sitzenzubleiben und auf eine Erleuchtung zu warten war jedenfalls keine Lösung.
Justus schaute vorsichtig in die andere Richtung. Das Gewölbe zog sich rechts nicht so lang hin wie auf der linken Seite. Am Ende gab es an der Stirnseite eine Tür. Die Entfernung war nicht allzu groß, um einmal kurz hinhuschen zu können und es mit ihr zu versuchen. Eine andere Möglichkeit sah er nicht, um weiterzukommen. 
»Was glaubt ihr, ob wir mit der Tür vielleicht Glück haben?« Er schaute seine Freunde fragend an. Joseph nickte ihm zu, blickte kurz nach links, wo vorher noch die Geräusche und die Stimmen zu hören waren und drückte sich dann an der rauhen Mauer entlang Richtung Tür. So kam er an einem weiteren hohen Gewölberaum vorbei, in dem eine Unmenge an verschiedenen Waffen fein säuberlich und geordnet in dafür vorgese-henen Halterungen standen. Völlig perplex lief er zu seinen Freunden zurück.
»Ihr glaubt nicht, was hier nebenan für eine Waffensammlung steht«, flüsterte er aufgeregt. »Das ist der absolute Hammer. Kommt mit, ich zeig‘s euch.«
Und schon zog er die anderen hinter sich her in den nächsten Raum. Was sie hier sahen, war ein gigantisches Arsenal an Waffen unter-schiedlichster Größen und Gattungen. Speere, Armbrüste, Beile und Äxte, Morgensterne für den Kampf Mann gegen Mann, und jede Menge Schilde zur Verteidigung waren in Reih' und Glied aufgereiht an den Wänden. Im hinteren Bereich des Raumes standen genau wie nebenan eine Menge von Kisten, die hier ordentlich aufeinandergestapelt waren.
Plötzlich hörten sie Schritte von links, wo Miriam zuvor die Männer mit den weißen Umhängen gesehen hatte. Sie kamen rasch näher. Was sollten sie jetzt tun? Eine ausweglose Situation. Es gab von hier kein Entrinnen, denn es gab keine Tür, durch die sie hätten entweichen können. 
»Und nun?«, fragte Sarah ängstlich. 
»Schnell in die Ecke dort.« Erik schob seine Freunde vor sich her und drückte sie in den hinteren Bereich des Raumes. »Jetzt den Unsicht-barkeitsspruch.«
Justus überlegte kurz. Er hatte ihn sich ganz fest eingeprägt. »Kommt halten wir uns an den Händen«, kommandierte er. Dann sagte er leise: »Velamen tege nos!«
Im nächsten Augenblick besaß die Umgebung einen leicht bläulichen Schimmer. Jetzt konnten sie nur darauf hoffen, dass der Schleier unzweifelhaft so funktionierte wie Edolfin es beschrieben hatte. Mucksmäuschenstill standen sie da und harrten auf den, dessen Schritte sie näherkommen hörten. Pauline stand dicht neben Justus, weil sie dem Schleier nicht so recht traute.
Was wäre, wenn die Person in ihre Richtung käme? Aber eigentlich bestand die Gefahr nicht, da direkt in ihrer Nähe weder Waffen noch Kisten standen.
Da bog auch schon ein Ritter, ein Baum von einem Mann, um die Ecke. 
Ein mächtiges Kettenhemd bedeckte seine Brust, und sein braun gebranntes Gesicht strahlte große Entschlossenheit aus. Über dem Kettenhemd trug er einen weißen Überwurf mit einem auffallend großen roten Kreuz. Sarah hätte fast einen Ruf der Verwunderung ausgestoßen. Sie hatte schon viel über die Kreuzritter gelesen. Nun stand einer leibhaftig vor ihr.
...



© Dr. Martin Zielinski 2016