Leseprobe: In der Festung



26. In der Festung


Erik zog seine Magic hervor, denn er erinnerte sich an Edolfins Worte, dass die Tafeln überall ihren Standort anzeigen würden. Umgehend leuchtete ihm der Grundriss des Raumes entgegen, in dem sie sich befanden. Dass die Magic unzweideutig ihren Standort in aller Deutlichkeit wiedergeben würde, hätten sie sich nicht vorstellen können. Doch die Tatsache, dass es so war, machte sie wieder etwas zuversichtlicher.

Justus hatte sich währenddessen umgesehen und auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes das Geländer einer Treppe gesichtet, die in die Tiefe führte. Mutig schlich er hinüber und lauschte nach unten, konnte aber nichts Verdächtiges vernehmen.

Er winkte die anderen heran, und im nächsten Augenblick standen sie alle am Treppengeländer. Angestrengt horchten sie in die Tiefe. 

»Was machen wir jetzt?«, fragte Pauline leise. Die Angst entdeckt zu werden, stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Sollen wir da hinunter?«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig«, flüsterte Erik zurück. »Aber Sekunde, unsere Magics können uns doch anzeigen, ob da jemand ist. Das kennen wir doch aus der Bibliothek.«

Wieder inspizierte er seine Tafel. Sie zeigte ihm nur Leere an, was wohl so viel bedeutete, dass in der Nähe der Treppe niemand war. 

Auch Miriam hatte ihre Magic hervorgeholt, und auch darauf war nichts zu sehen als lediglich der Grundriss des Raumes und die Treppe.

»Wollen wir‘s wagen?« Sarah hatte ein mulmiges Gefühl. Was würde sie da unten erwarten? Und was wäre, wenn doch jemand käme, während sie sich noch auf der Treppe befänden? Wie schnell konnten sie wieder hier heraufkommen? In diesem Moment dachte keiner von ihnen an die verschiedenen Möglichkeiten, sich retten zu können, zum Beispiel durch einen Sprung an einen anderen Ort. Aber würde das auch im Moment einer großen Aufregung funktionieren? Diese Gedanken schossen Sarah durch den Kopf. Aber darüber nachzusinnen, hatten sie jetzt nicht genügend Zeit. 

»Kommt, wir können schließlich nicht hier herumstehen und Wurzeln schlagen. So lange sich niemand auf der Magic zeigt, sind wir auf der sicheren Seite«, befand Justus. »Wir können ja einen von uns bestimmen, der seine Magic immer bereit hält, um auf eventuelle Gefahren aufmerksam zu machen.«

Sie sahen sich an und die Wahl fiel auf Miriam. Sie nickte nur kurz und damit war die Frage geklärt.

»Also los, auf ins Gefecht«, gab Joseph die Devise aus. Seine Freunde staunten nicht schlecht über seinen Mut, den er schon die ganze Zeit bewiesen hatte. Er wurde hier zum richtigen Abenteurer.

Im nächsten Moment lief er gewandt die Treppe hinunter, sehr bemüht leise zu sein. Die anderen huschten hinterher. Sie mussten höllisch aufpassen, weil das Geländer wider Erwarten instabil war und die Treppe recht steil nach unten führte. An den Wänden brannten in regelmäßigen Abständen Kienspanfackeln, die ein schummeriges Licht abgaben. Ihr Rauch stieg in dünnen Schwaden hoch und verteilte sich entlang der Decke. Die Luft in diesem beengten Treppenabgang war hier trotz des Rauchs angenehm frisch und kühl. Es musste also von irgendwoher eine Frischluftzufuhr kommen. Aber darauf zu achten war jetzt nicht die Zeit, sie hatten schon genug damit zu tun, ihre Aufregung und Anspannung zu unterdrücken, die mit jeder weiteren Stufe nach unten stiegen.

Unten angekommen gab es einen kurzen Gang, der an einer weiteren Eisentür endete. Wenn hier jetzt jemand erscheinen würde, wären sie geliefert. Erik blickte Miriam fragend an, die sogleich einen Blick auf ihre Magic warf.

»Alles klar«, war ihre beruhigende Auskunft. Justus schob sich an den anderen vorbei nach vorne zur Tür, um sie näher zu inspizieren. Auch sie hatte ein mächtiges altertümliches Schloss mit einer großen Klinke, die mit Eisendübeln an der Tür befestigt war.

Er sah die anderen fragend an. Dann versuchte er, die Klinke so vorsichtig wie möglich herunter zu drücken. Sie machte keinerlei Schwierigkeiten, was bedeutete, dass sie häufiger benutzt wurde. Ein kurzer, heftiger Druck und die Tür öffnete sich in einen Raum hinein, der ebenfalls durch flackerndes Licht erhellt wurde. Im Gegensatz zu der Türe oben zum Hof gab es hier kein Quietschen und Knarzen.

Vorsichtig schoben sie sie weiter auf und wagten einen Blick in den dahinterliegenden Raum. Was sich da vor ihnen auftat, war der einfach überwältigend. Der Raum war geradezu riesig und schien zudem unendlich hoch zu sein. Gespannt horchten sie nach Geräuschen, die von Menschen herrühren konnten. Aber es blieb alles still.

Langsam drückten sie die Tür ganz auf und schlüpften schnell hindurch. Sie blickten sich um und gewahrten ein hohes Gewölbe, das auf der einen Schmalseite durch eine Mauer begrenzt war, die im oberen Bereich ein Fenster hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich der Raum in ein weiteres Gewölbe, das sich rechtwinklig anschloss. Der Raum, der wie die Treppe durch eine Reihe von Fackeln erhellt wurde, glich einem schmucklosen Kellerraum. Die Wände bestanden aus grob behauenen quaderartigen Steinen, die bis zur Decke hinaufreichten. Die Längsseiten des Raumes waren so gemauert, dass sie im oberen Drittel zur Mitte zusammenliefen und das Gewölbe bildeten. 

Überall standen Kisten und Kästen herum. Man konnte den Eindruck gewinnen, als wären sie nur für kurze Zeit hier abgestellt, um im nächsten Moment abgeholt zu werden.

Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg hindurch, sehr darauf bedacht, nicht anzustoßen und Lärm zu erzeugen. Erik wagte sich bis zur Mauerecke vor und lugte in den Querraum hinein. Er war lang wie eine Lagerhalle mit mehreren Seitenräumen. Überall befanden sich Kienspanfackeln an den Wänden, die leise vor sich hin walkten und ihren Ruß zur Decke schickten. Unterhalb der Fackelhalter sah Erik kleine Wappen, die alle das gleiche Kreuz zeigten wie an den Türen. Die Freunde hockten jetzt versammelt neben Erik an der Wand und wagten ebenfalls einen Blick in das Längsgewölbe.

Am hinteren Ende der Halle waren Tische aufgestellt, auf denen Kerzenleuchter den Raum zusätzlich erhellten. Plötzlich klang von dort Stimmengemurmel herüber.

»Mist«, stöhnte Justus. »Was machen wir jetzt?« Er schaute die anderen hilfesuchend an. »Wir können doch schlecht hier hocken bleiben.«

Miriam wagte sich nochmals vor und konnte erkennen, wie Männer mit weißen Umhängen in der Nähe der Tische das Gewölbe durchschritten und durch eine Tür am Kopfende des Gewölbes verschwanden. Gespenstische Ruhe kehrte ein.

Ratlos und stumm blickten sie sich an. Hier sitzen zu bleiben und auf eine Erleuchtung zu warten war jedenfalls keine Lösung.

Justus schaute vorsichtig in die andere Richtung. Das Gewölbe zog sich rechts nicht so lang hin wie auf der linken Seite. Am Ende gab es an der Stirnseite eine Tür. Die Entfernung war nicht allzu groß, um kurz hinhuschen zu können und zu sehen, ob man sie öffnen könnte. Eine andere Möglichkeit sah er nicht, um weiterzukommen. 

»Was glaubt ihr, ob wir mit der Tür vielleicht Glück haben?« Er schaute seine Freunde fragend an. Joseph nickte ihm zu, blickte kurz nach links, wo vorher noch die Geräusche und die Stimmen zu hören waren und drückte sich dann an der rauhen Mauer entlang Richtung Tür. So kam er an einem weiteren hohen Gewölberaum vorbei, in dem eine Unmenge verschiedener Waffen fein säuberlich und geordnet in dafür vorgesehenen Halterungen standen. Völlig perplex lief er zu seinen Freunden zurück.

»Ihr glaubt nicht, was sich hier nebenan für eine Waffensammlung befindet«, flüsterte er aufgeregt. »Was da zu sehen ist, das ist der absolute Hammer. Kommt mit, ich zeig‘s euch.«

Und schon zog er die anderen hinter sich her in den nächsten Raum. Was sie hier sahen, war ein gigantisches Arsenal an Waffen unterschiedlichster Größen und Gattungen. Speere, Armbrüste, Beile und Äxte, Morgensterne für den Kampf Mann gegen Mann, und jede Menge Schilde zur Verteidigung standen in Reih‘ und Glied aufgereiht an den Wänden. Im hinteren Bereich des Raumes befanden sich genau wie nebenan eine Menge von Kisten, die hier ordentlich aufeinander gestapelt waren.

Plötzlich hörten sie Schritte von links, wo Miriam zuvor die Männer mit den weißen Umhängen gesehen hatte. Sie kamen rasch näher. Was sollten sie jetzt tun? Eine ausweglose Situation! Es gab von hier kein Entrinnen, denn es gab keine Tür, durch die sie hätten entweichen können. 

»Und nun?«, fragte Sarah ängstlich. 

»Schnell in die Ecke dort.« Erik schob seine Freunde vor sich her und drückte sie in den hinteren Bereich des Raumes. »Jetzt den Unsichtbarkeitsspruch.«

Justus überlegte kurz. Er hatte sich ihn ganz fest eingeprägt. »Kommt halten wir uns an den Händen«, kommandierte er. Dann sagte er leise: »Velamen tege nos!«

Im nächsten Augenblick besaß die Umgebung einen leicht bläulichen Schimmer. Jetzt konnten sie nur darauf hoffen, dass der Schleier wirklich so funktionierte wie Edolfin es beschrieben hatte. 

Mucksmäuschenstill standen sie da und harrten auf den, dessen Schritte sie näherkommen hörten. Pauline stand dicht neben Justus, weil sie dem Schleier nicht so recht traute.

Was wäre, wenn die Person in ihre Richtung käme? Aber eigentlich bestand die Gefahr nicht, da direkt in ihrer Nähe weder Waffen noch Kisten standen.

Da bog auch schon ein Ritter, ein Baum von einem Mann, um die Ecke. Ein mächtiges Kettenhemd bedeckte seine Brust, und sein braun gebranntes Gesicht strahlte große Entschlossenheit aus. Über dem Kettenhemd trug er einen weißen Überwurf mit einem auffallend großen roten Kreuz. Sarah hätte fast einen Ruf der Verwunderung ausgestoßen. Sie hatte schon viel über die Templer gelesen. Nun stand einer leibhaftig vor ihr.

Blitzschnell legte Erik ihr seine Hand auf den Mund und gebot ihr leise zu sein. Keiner von ihnen wagte sich zu bewegen. Ihre Angst war zu groß, trotz des Schleiers doch noch entdeckt zu werden. Der Ritter suchte bei den Lanzen herum und wählte zwei aus. Dann ging er zu den Schilden, und auch von dort nahm er zwei. Dabei kam er der kleinen Gruppe ziemlich nahe, sodass sie seinen starken Schweißgeruch wahrnehmen konnten.

Martins Nase bekam das überhaupt nicht, und schon machte er Anstalten zu niesen. Miriam hielt warnend den Finger vor den Mund. Schnell zog er vorsichtig sein Taschentuch hervor und hielt es sich vor die Nase. Dabei klapperte irgendwas in seiner Tasche, was den Ritter aufhorchen ließ. Er wandte sich in ihre Richtung und sah angestrengt zu ihnen hinüber und lauschte. Natürlich konnte er nichts entdecken, sie waren ja unsichtbar. So wandte er sich nach einigen Sekunden, die ihnen wie eine halbe Ewigkeit erschienen, wieder seinen Waffen zu. Sie hielten die Luft an, peinlich darauf bedacht, kein weiteres Geräusch zu machen.

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© Dr. Martin Zielinski 2021