Leseprobe: Geschichte der Magie im Historicum

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Geschichte der Magie im Historicum


Am folgenden Tag wartete die nächste Überraschung auf sie. In der ersten Stunde gab es „Geschichte der Magie“ bei Madame Griseldis. Justus war schon sehr früh am Morgen schweißgebadet aufgewacht. Ein furchtbarer Traum, ein richtiger Albtraum, hatte ihn in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Ihm war, als sei er bei den Geschehnissen, die sie am Vortag über seinen Großvater gehört hatten, unmittelbar dabei gewesen. 
Er sah im Traum seinen Großvater aus nächster Nähe kämpfen, wie er sein Schwert Ex‘toralis geschickt gegen Cha‘ur Thach‘schim, den Anführer der Wächter der Finsternis, einsetzte. Wie Schlag auf Schlag die Schwerter klirrend und Funken sprühend aufeinander krachten. Hin und her wogte der Kampf. Aber Justus‘ Großvater besaß Mut und eine enorme Geschicklichkeit. Immer wieder war er den gefährlichen Hieben seines Widersachers ausgewichen.
Gerade als Cha‘ur Thach‘schim zu einem fürchterlichen Gegenschlag ausholte, wachte Justus aus seinem Traum auf. Große innere Unruhe hatte ihn ergriffen. 
Nun war er froh, dass das Frühstück ohne weitere Zwischenfälle verlief, und er sich mit den anderen auf den Weg ins „Historicum“ machen konnte. 
Madame Griseldis erwartete sie schon in dem Klassenraum, in dem alle Klassen Geschichte hatten. Überhaupt war die Schule so organisiert, dass jedes Fach in einem dafür speziell eingerichteten Raum unterrichtet wurde.
Die Schüler staunten nicht schlecht, als sie den Klassenraum betraten. Rundum hingen Karten und Schaubilder an den Wänden, die die einzelnen Epochen der Magie darstellten. Jede Epoche wurde durch Symbole, Landschaften und Gebäude gekennzeichnet. Das Bemerkens-werte daran war, dass man die dargestellten Ge- bäude nicht nur von einer Seite sah, sondern von allen Seiten. Sie drehten sich unablässig in sämtliche Richtungen. Und damit nicht genug, die Perspektive wechselte von außen nach innen und zeigte Räumlichkeiten, Gänge, Hallen und Treppen. 
Greifenstein war auch auf einer der Karten zu sehen. Natürlich rief diese Karte, als die Schüler sie entdeckten, das größte Interesse hervor. Hier waren Räume und Winkel zu sehen, die noch unbekannt waren.
Miriam stieß Erik in die Seite und wies ihn auf eine merkwürdige Entdeckung hin. »Schau mal«, raunte sie Erik zu, »da ist ein Gang, der hört einfach auf. Sieht so aus, als wär‘ das `ne Sackgasse.«
»Das muss ganz in der Nähe der großen Aula sein«, überlegte Erik, »komisch, dass er uns noch nicht aufgefallen ist.«
»Was ist uns noch nicht eingefallen«, polterte Martin, »was ist denn da überhaupt?« Er hatte nicht mitbekommen, worüber Miriam und Erik flüsterten und war sauer, dass er nicht in das Gespräch einbezogen wurde. 
Justus hingegen genoss es einfach nur, die verschiedenen Bauwerke aus der Nähe betrachten zu können. Er unterzog sie einer genaueren Inspektion, wobei er von Karte zu Karte schritt. 
Kleine Burgen, Wasserburgen, sowie Felsenburgen, die wie Wespen-nester an Felsen hingen, Grabenburgen, von Wassergräben umgeben, und Höhenburgen wechselten sich mit riesigen Festungen in bunter Folge ab. An jeder dieser Karten lief am unteren Ende eine erklärende Schrift wie auf einem Ticker entlang. Kurze Informationen teilten mit, um welches Gebäude es sich handelte. Tolle Eindrücke, die hier auf die Schüler eindrangen. Aber nach den Erfahrungen am ersten Tag in der Aula wunderte sich Justus über gar nichts mehr.
Gerade war er am Bild einer Festung vorbei und wollte schon seine Aufmerksamkeit auf eine mittelalterliche Burg richten, da sah er aus dem Augenwinkel, wie ein Kirchenraum, der wohl dazugehörte, auftauchte. Er blieb wie elektrisiert stehen und wandte sich noch einmal zurück. 
Diesen Kirchenraum kannte er! 
Der war ihm schon einmal begegnet, und zwar nicht einfach so. Die Erinnerung an seinen letzten Tagtraum stieg in ihm hoch, den er an einem der letzten Schultage in seiner alten Schule gehabt hatte. Genau in dieser Kirche. 
Hier hatten sich seltsame und geheimnisvolle Zeremonien abgespielt. Er erinnerte sich, wie er da in dieser Mauernische stand, in der Angst entdeckt zu werden. Er sah wieder die Männer, die dort sangen und beteten und dann an ihm vorbeizogen. Und nun wurde diese Kirche hier dargestellt.
Das konnte nicht sein. Wie hieß diese Festung? Akkon! 
Justus hatte das Gefühl, als würde alles um ihn herum verschwimmen. Nur die Kirche war für ihn deutlich, überdeutlich zu sehen. Die Stimmen der Mitschüler klangen wie durch eine Wattewand. Es überkam ihn das Gefühl, als tauche er in eine andere Zeit ein. Er stand da und starrte auf die Kirche.
Justus versuchte sich weiter zu erinnern, was nicht so einfach war. Einerseits hatte er das Gefühl, mitten in die Kirche hinein gesogen zu werden, und andererseits war ihm, als wäre da ein großer Graben, der erst überwunden werden müsste. Und dann war die Kirche wieder weg.
Dummerweise forderte Madame Griseldis, nachdem sie das Erstaunen ihrer Schützlinge eine Zeit lang beobachtet hatte, die Schüler auf Platz zu nehmen. Sie wollte mit dem Unterricht beginnen. Justus musste sich mit Gewalt von diesem Bild losreißen. 
Die meisten Schüler saßen schon auf ihren Plätzen. Pauline hatte ihm einen Platz freigehalten und winkte ihn heran. 
»Was hast du denn schon wieder?«, fragte sie etwas ungehalten. »Ständig stehst du irgendwo rum. Manchmal weiß man nicht, was mit dir los ist.« Wenn sie gewusst hätte, wie recht sie damit hatte. Justus wusste es ja selbst nicht.
»Meine lieben Schülerinnen und Schüler«, begann Madame Griseldis und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, als wollte sie ihre Schäfchen zählen. 
»Solche Karten und Schaubilder sind für euch sicher neu. Wir werden uns im Fach „Geschichte der Magie“ näher mit ihnen befassen.« Dabei schaute sie sehr verheißungsvoll von einem zum andern und fuhr fort: »Ich lege hier im Fach Geschichte der Magie keinen Wert auf Auswendiglernen von Zahlen und Fakten. Vielmehr sollt ihr ohne große Umwege die wichtigsten Stationen, Epochen und Ereignisse der Magie kennen lernen. Könnt ihr euch vorstellen, was ich damit meine?«
Die Schüler guckten sich etwas ratlos an. Eine Schülerin meldete sich zögerlich und fragte: »Sollen wir eine der Epochen vielleicht in kleinen Szenen nachspielen?«
»Nicht ganz, aber das geht schon in die richtige Richtung«, erwiderte Madame Griseldis etwas geheimnisvoll. »Doch bevor wir zu konkreten Taten schreiten, ist zuerst ein gerütteltes Maß an Theorie vonnöten. Das heißt, ihr müsst euch in der Bibliothek schlau machen. Dazu setzt ihr euch in Kleingruppen zusammen und sucht euch eine der Burgen aus, die hier auf den Karten dargestellt sind.«
Kaum hatte sie das gesagt, fühlte Justus ein irres Kribbeln, gemischt mit dem Gefühl der Vorfreude auf die Burg, die ihm so bekannt war. Nichts würde er lieber tun, als mit den anderen dem Geheimnis dieser Burg auf die Spur zu kommen. Vor Aufregung konnte er kaum sprechen. Er rüttelte Pauline am Arm und zeigte vorsichtig auf die Karte, vor der er bis vorhin noch gestanden hatte. Justus musste den anderen unbedingt klar machen, dass sie genau diese Burg nehme müssten, die sein Geheimnis barg. Das musste schnell gehen, damit kein anderer auf die Idee kam, die Burg vorher auszuwählen.
»Hört mal zu«, begann er aufgeregt, »wir nehmen diese Festung dort«, dabei wies er auf die Burg Akkon.
»Warum? Was ist denn damit?«, wollte Martin wissen. »Mir gefällt aber die Felsenburg dahinten viel besser.«
»Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt so ein Gebäude will«, meinte Pauline. Dabei ließ sie ihren Blick suchend durch die Klasse schweifen.
Justus glaubte, sich verhört zu haben. Sein Herz schlug heftig. Er hätte schreien können! Stattdessen zwang er sich ruhig zu bleiben und versuchte zu erklären, warum es unbedingt diese Burg sein musste.
»Ich werde euch alles Weitere später erklären, wenn wir hier raus sind und ungestört im „Metatron“ sitzen.«
Seine Freunde schauten ihn fragend an. Pauline kannte solche Zustände bei ihm von früher nur zu Genüge. Daher hielt sie sich zurück und stimmte, wenn auch murrend, zu.
»Also mir ist es gleich, welche Burg wir uns vornehmen. Ich kann mich auf jede einlassen«, gab Miriam zu verstehen. Damit hatten sie sich entschieden und Justus beeilte sich, Madame Griseldis ihre Wahl mitzuteilen.
Nachdem die anderen Schüler sich ebenfalls eine Burg ausgesucht hatten, konnte Madame Griseldis sie in ihre Arbeit einweisen.
Nun gab es ein kleines Problem. Ein Mitschüler hatte die gleiche Festung gewählt, weil sie ihm unheimlich gut gefiel. Pauline kannte ihn. Es war Joseph, der vor dem Bild stand und sich nun umsah, wer noch dazukommen würde.
Joseph war ihnen schon verschiedentlich durch seine lustigen Bemerkungen und Kommentare in der Klasse aufgefallen. Er hatte Pauline kürzlich beim Frühstück seinen Cousin vorgestellt, als dieser mit seinen Freunden auf der Empore der Aula gestanden hatte.
»Hey, wir kennen uns doch«, sagte er etwas spitzbübisch zu Pauline, als sie auf ihn zukamen. So übernahm sie die gegenseitige Vorstellung.
Joseph reichte ihnen allen die Hand. »Interessiert euch diese Festung auch? Sieht riesig aus. Komisch, sie zieht mich magisch an.«
Was sollten sie jetzt tun? Und vor allem, wie konnte Justus den anderen ungestört sein Geheimnis mitteilen, das mit dieser Burg zusammenhing, wenn Joseph ständig bei ihnen war?
Darüber nachzudenken blieb nicht die Zeit, denn schon meldete sich Madame Griseldis wieder zu Wort.
»Geht nun folgendermaßen vor: Ihr schreibt euch die Namen der Abbildungen auf eure magischen Tafeln, und eure Aufgabe ist es, euch in der Bibliothek über das ausgewählte Gebäude zu informieren und zu erforschen, was es damit auf sich hat.« 
Das brauchte sie Justus nicht zweimal zu sagen. Umgehend zückte er seine Tafel und schrieb den Namen eilig auf.
»Die Ergebnisse eurer Nachforschungen tragt ihr dann in der nächsten Stunde vor. Für heute seid ihr entlassen«, klang es vom Lehrerpult. Schnell machten sie sich auf den Weg nach „Metatron“. Joseph fragte Pauline unsicher, ob er mitkommen könnte, denn er merkte, dass sie eine feste Gruppe waren. Er kam sich wie ein Eindringling vor.
Ein kurzer Blickkontakt, vor allem zu Justus, weil er den Eindruck machte, als hätte er etwas zu verbergen, und sie willigten ein. Vielleicht konnte Joseph ja bei der einen oder anderen Gelegenheit hilfreich sein.
Unterwegs begegneten sie ausgerechnet Ottokar und Edelmund, die sich zwischenzeitlich noch um andere Dinge als nur um den Unterricht gekümmert hatten. 
»Sieh an, da ist ja unser Seher mit seiner Garde«, klang es pro- vozierend von Schmalzlocke. »Na, wen habt ihr denn da aufgegabelt?«
»Das werden wir euch gerade auf die Nase binden. Macht, dass ihr weiterkommt.«
Edelmund fühlte sich herausgefordert.
»Du willst uns doch nicht etwa drohen?«, zischte er und ging herausfordernd auf die Gruppe zu. »Du Oberseher!«
Ottokar lachte meckernd.
Edelmund und Justus standen sich gefährlich nahe gegenüber. Pauline wollte jede Auseinandersetzung vermeiden, zog Justus von Edelmund weg und forderte die anderen zum Weitergehen auf.
»Da ziehen sie hin, die Angsthasen«, rief Edelmund hinter ihnen her. »Ihr Pfeifen! Elende…« 
»Wie O-o-orgelspf-feifen sehen sie aus«, hörten sie Ottokar stottern. Seinen Sprachfehler nahmen sie jetzt zum ersten Mal richtig wahr. Das Stottern stellte sich immer dann ein, wenn er aufgeregt war.
Obwohl Justus stinkwütend auf die beiden war, musste er unwillkürlich lachen. Martin ließ sich davon anstecken. Dabei hätte er fast eine Engelsstatue umgerannt, die ihm im Weg stand. Allgmeines Gelächter entstand und entspannte die Situation. Das änderte aber nichts daran, dass Justus von der Aufregung und Wut über die beiden immer noch ein knallrotes Gesicht hatte.
In „Metatron“ angekommen, warfen sie sich in die nächstbesten Sessel und ließen ordentlich Luft ab.
»Diese Blödmänner! Die meinen wohl, sie sind was Besseres. Die Überheblichkeit von diesem schmalzlockigen Typen geht mir mächtig auf den Wecker.« Pauline stand noch reichlich unter Dampf. Es hatte sie Kraft und Mühe gekostet, Justus von den beiden fernzuhalten.
Auf Joseph wirkte das Ganze sehr befremdlich, da er von der Abneigung zwischen den beiden Parteien noch nichts wusste. Einigermaßen ratlos blickte er seine Mitschüler an. 
»Was wollten die denn von euch?«, fragte er völlig perplex. »Ich meine, mir sind die beiden auch schon aufgefallen. Ich finde sie reichlich bescheuert. Und was meinte der mit der Pomadenfrisur eigentlich mit „Seher“?«, fragte er Justus.
Die fünf schauten sich verstohlen an. Nun hatten sie ein Problem. Sie bildeten inzwischen eine verschworene Gemeinschaft und wussten nicht, ob sie ihm vertrauen konnten. Wie würde er sich verhalten? Passte er überhaupt zu ihnen?
In Justus Gehirn schossen die verschiedensten Gedanken wild durcheinander. Was wäre, wenn das Zusammentreffen auf dem Gang ein einziges Ablenkungsmanöver war und Joseph von Schmalzlocke und Rotfuchs geschickt war, um zu spionieren? Wollten sie auf diese Weise herauskriegen, welches Geheimnis Justus umgab? War vielleicht alles von langer Hand eingefädelt, dass Joseph so unverhofft vor dem gleichen Bild aufgetaucht war?
Doch Josephs ratloser Blick ließ vermuten, dass an dieser Überlegung nichts dran war. 
Justus sah Joseph an und hatte das Gefühl, ihm vertrauen zu können. Er konnte es zwar nicht beweisen, aber eine innere Stimme sagte ihm, dass er richtig empfand. So entschied er sich, Joseph über die Zusammen-hänge aufzuklären.
»Also«, begann er, »das ist nämlich so, musst du wissen…« Und damit weihte er Joseph darüber ein, was sie von Edolfin von Ewigkeit her wussten. Joseph schaute reichlich verständnislos. Vor lauter Staunen bekam er fast den Mund nicht zu. 
Dass die Schule etwas Besonderes war, das war ihm inzwischen klar. Hier lief eigentlich gar nichts normal ab, angefangen bei den Lehrern bis hin zu den Unterrichtsinhalten. 
Joseph hatte sich selbst immer als normal empfunden und hatte daher zwischenzeitlich schon gedacht, hier eigentlich der falsche Schüler am falschen Platz zu sein. Doch ähnlich wie Justus war er Teil einer sehr langen Familientradition. Sein Großvater hatte seinerzeit an der Seite von Justus‘ Großvater ebenfalls gegen die dunklen Mächte gekämpft. Und später war er an dieser Schule sogar Lehrer und Teil der Schulleitung gewesen. Aber davon ahnte Joseph nichts. Die Schulleitung hatte im Hintergrund dafür gesorgt, dass er zur selben Zeit wie Justus an diese Schule kam. Seine Vorzüge waren seine außergewöhnlichen mentalen Kräfte, die an dieser Schule genauso geschätzt wurden wie Justus‘ Fähigkeit des Sehens.
Die Geschichte, die er von Justus zu hören bekam, war für ihn nahezu unglaublich. Er konnte kaum ruhig in seinem Sessel sitzen.
»Und das ist schon immer so bei euch in der Familie gewesen?«, fragte er höchst erstaunt.
»Scheint so. Aber, und jetzt kommt das Allergrößte.« Damit wandte sich Justus auch an seine Freunde und erzählte ihnen nun, dass dieser Rupertus, von dem Meister Sumerus eine Menge zu sagen wusste, kein anderer als sein Großvater war.
»Jetzt könnt ihr sicher ahnen, wie mich das umgehauen hat.« Und zu Joseph gewandt, sagte er: »Da du jetzt alles weißt, musst du uns hoch und heilig in die Hand versprechen, nichts, aber auch gar nichts, zu verraten. Hoch und heilig! Schwör‘s!« Justus Stimme war unmerklich schärfer und lauter geworden.
Joseph hob zum Schwur die Hand und sagte: »Mein Ehrenwort! Ehrlich, von mir erfährt keiner was. Kein Sterbenswörtchen, bei meiner Oma, die schon lange im Grab liegt.«
Das kam so glaubhaft rüber, dass man ihm einfach vertrauen musste. Und feierlich schlug er in Justus‘ Hand ein.
Jetzt waren sie also zu sechst!
»Und jetzt muss ich euch erzählen, was ich im Historicum entdeckt habe.«
Schon wurde Justus wieder von dieser Aufregung ergriffen, dass ihm sein Herz bis zum Hals schlug.
Seine Freunde bemerkten die roten Flecken, die an seinem Hals nicht zu übersehen waren. Da bahnte sich Großes an. Wie gebannt hingen sie an seinen Lippen.
»Ich hab‘ doch die Burg gesehen, Akkon heißt die, ich hab‘s aufge-schrieben. Als ich weitergehen wollte, wechselte das Bild und ich sah einen Kirchenraum, der mir absolut bekannt vorkam. Das war die Kirche, die ich in einem Tagtraum in der Schule gesehen hatte.«
Er wirbelte mit den Armen, um die Aufregung zu verdeutlichen, die in ihm hochstieg.
»Könnt ihr euch vorstellen, wie da mein Herz bis hier oben schlug?« Er tippte sich an seine Halsschlagader. »Was denn für einen Tagtraum?«, fragte Martin völlig elektrisiert. »Das hast du uns noch nicht erzählt.«
»Also, das war so«, und Justus begann, die ganze Geschichte, die er damals erlebt hatte, zu erzählen. Seine Freunde staunten nicht schlecht, als sie das hörten. Erik, den eigentlich nichts so schnell aus der Ruhe brachte, schnappte hörbar nach Luft.
»Nun kann ich auch verstehen, warum dich dieser Edolfin einen Seher genannt hat«, meinte Pauline. »Jetzt wird mir klar, warum du hier was Besonderes bist.«
»Total irre!«, setzte Joseph hinzu.
Pauline betrachtete Justus, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Sie kannte ihn ja nun schon einige Jahre und hatte geglaubt, ihn recht gut zu kennen. Aber dass sich hinter ihm ein solches Geheimnis verbarg, das hätte sie sich nicht träumen lassen.
»Aber wir haben ja alle solche außergewöhnlichen Fähigkeiten. Deshalb sind wir doch auf dieser Schule«, stellte Justus fest, der versuchte seine Besonderheit herunterzuspielen.
»Ja schon, aber trotzdem ragst du aus der Schülerschar heraus.« Und dann setzte sie hinzu: »Das muss eine ganz schöne Bürde für dich sein.«
»Wie meinst du das „Bürde“?«, fragte Joseph.
»Na, es ist eben eine große Belastung«, ergänzte Erik, der gedanken-versunken mit dem Finger auf der Sesselpolsterung herum malte.
»Ich möchte nur nicht, dass die anderen ständig darauf herumreiten, vor allem nicht die beiden Pappnasen Schmalzlocke und Rotfuchs«, stellte Justus mit Nachdruck fest.
»Wie steht es denn mit dir?«, wandte er sich an Joseph, um von seiner eigenen Person abzulenken.
»Was hat dich denn auf diese Schule verschlagen?«
»Ich glaube, mich hat man hierher geholt, weil ich eine ausgesprochen starke mentale Begabung habe«, entgegnete Joseph.
»Und was muss ich mir darunter vorstellen?« Martin schaute Joseph interessiert an. 
»Ich habe die Fähigkeit, mich intensiv in andere Menschen hineinversetzen zu können. Das geht über das Gefühl. Ich kann ihre Gefühle nachempfinden. Und da viele Handlungen, die die Menschen ausführen, gefühlsgesteuert sind, kann ich sie in den meisten Fällen voraussehen. Das ist eigentlich alles.«
»Und wie funktioniert das?« Miriam hatte immer schon ein Faibel für menschliche Gefühlswelten und zwischenmenschliche Beziehungen gehabt, sodass Josephs Geschichte sie hellhörig werden ließ.
»Den Kontakt schaffe ich über einen intensiven Blickkontakt. Sobald ich den hergestellt habe, liegt die Gefühlswelt des anderen vollständig offen vor mir.« Joseph musste unwillkürlich schmun- zeln, als er die ungläubigen und zugleich betroffenen Blicke der Mädchen sah. Welches Mädchen wollte sich denn schon von einem Jungen so ganz ohne Vorbehalt in die eigene Gefühlswelt blicken lassen?
»Da werde ich aber ab jetzt besonders aufpassen, dass ich dich nicht zu intensiv anschaue«, ließ sich Pauline protestierend vernehmen und erntete ein breites Grinsen.
...




© Dr. Martin Zielinski 2016