Leseprobe: Im Telekinarium

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Im Telekinarium


Der nächste Tag begann mit einem feuchtfröhlichen Frühstückschaos.
»Einige scheinen noch nicht kapiert zu haben, dass sich hier jeder auf seinen eigenen Stuhl setzen soll.« Pauline nervte das elende Quietschen der Stühle ungeheuer.
»Es gibt eben eine ganze Reihe von Schnarchnasen, selbst unter Hochbegabten«, grinste Justus spöttisch.
»Dafür ist das Frühstück wirklich famos«, stellte Martin genüsslich fest und schob sich eine Brötchenhälfte dick bestrichen mit frischer Erdbeermarmelade in den Mund.
Nach dem Frühstück ging es für die Metatroner direkt ins Telekinarium. 
»Das ist ein komischer Name für einen Unterrichtsraum! Da ist den Lehrern sicher nichts Besseres eingefallen«, fand Erik, dem die Bezeichnung ziemlich künstlich vorkam. Dabei wurde dieser Raum schon seit 348 Jahren so genannt.
»Wir werden ja sehen, was da drin abgeht«, gab Miriam knapp zurück und bewegte sich, dort angekommen, zielsicher auf eine der mittleren Reihen zu. In der Mitte des Raumes würden sie am wenigsten auffallen. Die anderen vier folgten ihr bereitwillig.
Meister Joselin Ivarius de Bourgogne, der schon ungeduldig am Katheder wartete, zeigte ohne große Vorwarnung, wie es in seinem Unterricht zuging.
Denen, die sich in den ersten Bänken niederließen, flogen, kaum dass sie saßen, Blumentöpfe, Tafellappen, Wassereimer und sonstiges, was zum alltäglichen Gebrauch nötig war, um die Ohren. Da die Eimer zum Teil mit Wasser gefüllt waren, bekamen einige eine feuchte Ladung ab. Meister Ivarius zeigte unvermittelt, worauf es in seinen Stunden ankam: Das Erlernen telekinetischer Fähigkeiten!
»Guten Morgen«, klang es kurz und knapp von vorne. 
»Gu-ten Mor-gen, Mei-ster I-va-ri-us«, kam es in gewohnt langsamem Trott zurück. 
»So nicht, meine Herrschaften. Steht alle einmal auf, und dann versuchen wir es nochmal, und zwar zusammen. GUTEN MORGEN MEINE DAMEN UND HERREN.«
»Guten Morgen Meister Ivarius«, klang es jetzt schon zügiger.
»Setzt euch! Damit von vornherein klar ist: Ich möchte am Anfang eine exakte Begrüßung. Und als weitere Regel gilt: Wenn ich spreche, hört ihr zu! Ich hoffe, ihr habt das verstanden. Auch ihr dahinten auf den billigen Plätzen!« Sein Blick richtete sich auf die hintere Reihe, wo einige noch miteinander tuschelten.
»Wie heißt du?« Meister Ivarius hatte einen Schüler in der letzten Reihe ausgemacht, der immer noch was zu klären hatte. 
»Hubert Rübensamen«, klang es verunsichert. Einige begannen zu kichern, als sie den Namen hörten. Der stechende Blick von Meister Ivarius brachte sie sofort zum Schweigen.
»Also Hubert Rübensamen, von dir erwarte ich in der nächsten Zeit eine gesteigerte Aufmerksamkeit.« 
»Der lässt aber gar nicht mit sich spaßen«, flüsterte Justus leise. Meister Ivarius machte ohne Umschweife klar, wer der Herr im Haus war.
»Bevor wir mit dem Unterricht in Telekinese beginnen können, habe ich zunächst die Aufgabe, jedem von euch einige wichtige Hilfsmittel auszuhändigen, die für verschiedene Tätigkeiten an dieser Schule not-wendig sind.«
Fragende Blicke wanderten durch den Raum. Hilfsmittel wozu? 
Meister Ivarius war hinter dem Pult verschwunden und kramte in einer riesigen alten Ledertasche herum, um einen ganzen Schwung von Translocostäben mit Kristallkugeln hervorzuholen.
Ein Raunen ging durch die Klasse. Jetzt wurde es spannend.
»Eine Reihe von euch werden bei den Mitgliedern des Lehrkörpers schon solche Stäbe, die Zauberstäben gleichen, gesehen haben. In der Tat haben sie ähnliche Funktionen.«
Er schaute prüfend auf die Stäbe, die nun wohl sortiert vor ihm auf dem Pult lagen, und fügte hinzu: »Ich möchte alle eindringlich darauf hinweisen, dass mit einem Translocostab äußerst umsichtig umzugehen ist. Vielerlei starke Kräfte sind in diesen Stäben gebündelt.«
Seine grünen Augen blickten streng vom Katheder auf die Schülerschar herunter. Sie signalisierten, dass ein Zuwiderhandeln eine deftige Strafe nach sich ziehen würde.
»Ist ja toll, dass wir auch solche Teile bekommen sollen«, raunte Martin zu Miriam. »Bin gespannt, was sich alles damit anfangen lässt.«
Die Vorfreude wurde allerdings sofort getrübt. Meister Ivarius de Bourgogne machte in aller Schärfe klar, dass die Stäbe nur in ganz bestimmten Situationen benutzt werden dürften.
»Und eins sei schon vorweg gesagt: Natürlich können eure Stäbe nicht alles, was die Translocostäbe der Lehrer vermögen. Mit anderen Worten, sie sind in ihren magischen Fähigkeiten eingeschränkt. Ich habe sie mit einem Funktionsbann belegt. Dieser lässt nur Aktionen zu, die für euch Schüler erlaubt sind.«
»Ich habe mir gleich gedacht, dass da ein Haken dran ist.« Pauline blickte Martin enttäuscht an. »Wäre auch zu schön gewesen.« 
Martin schob schmollend seine Unterlippe vor. »Aber Hauptsache, wir haben überhaupt solche Stäbe.«
»Blöd ist nur, dass Schmalzlocke und Rotfuchs sie auch bekommen.« Justus schaute dabei nach hinten in die letzte Reihe, wo die beiden zusammenhockten und ebenfalls gespannt den „Zauberstäben“ entgegensahen.
»Nun denn«, klang es vom Pult her, »kommt immer zu zweit nach vorne und testet, welcher Translocostab zu jedem einzelnen passt. Sie werden es euch kundtun. Ihr braucht nur eure Hand auszustrecken und über die Stäbe zu halten. Dann wird euch schon gezeigt, welcher Stab zu wem gehört.«
Zögerlich näherten sich die ersten Schüler dem Lehrerpult.
»Das ist ja wie Weihnachten«, feixte Martin, als ein Schüler nach dem anderen die Hand nach den Stäben ausstreckte. 
Miriam war die erste aus ihrer Gruppe, die ihre Hand vorsichtig über die Stäbe gleiten ließ. Bei den meisten tat sich nichts. Martin konnte es kaum erwarten, auch endlich „seinen“ Stab in den Händen zu halten.
Im nächsten Augenblick leuchtete unter Miriams Hand ein Transloco-stab intensiv rot auf. Ihre Hand wurde richtig warm. Eine angenehme, anziehende Wärme. Sie floss über die Hand bis in den Arm hinein. Schnell ergriff sie den Stab und begab sich zufrieden auf ihren Platz.
Die Stäbe fühlten sich warm und energetisch an. Martin spürte, wie ein Energiestrom vom Stab auf ihn überging. 
»Das ist irre! Einfach gigantisch«, begeisterte er sich. Das war in der Tat ein tolles Helferlein. 
»Ihr habt sicher bemerkt, dass sich eine starke Wärme von euren Stäben auf euch ausdehnt. Durch die Wärme werdet ihr immer wissen, ob ihr euren eigenen Stab in der Hand haltet.«
Meister Ivarius konnte sich ein Schmunzeln über die vielen ungläubigen Blicke nicht verkneifen. Es war eines der vielen Geheimnisse dieser Schule, mit denen die neuen Schüler konfrontiert wurden. Aber nicht für alle Schüler war diese Erfahrung etwas Neues. 
Edelmund tat jedenfalls so, als ob er schon längst über die Translocostäbe Bescheid wüsste. Heftig konnte man ihn auf Ottokar einreden sehen.
Meister Ivarius begann nun, die ersten Schritte der anstehenden Übungen zu erklären. »Ich werde euch jetzt in den Gebrauch der Translocostäbe einweihen. Vorwiegend dienen sie als Hilfe bei telekine-tischen Vorhaben. Es gibt allerdings noch andere Anwendungsgebiete.« Meister Ivarius hob bedeutungsvoll die Augenbrauen. »Davon erfahrt ihr noch rechtzeitig zu einem späteren Zeitpunkt.«
»Das hört sich ja unheimlich spannend an«, flüsterte Martin Pauline zu. »Was mag er wohl mit „andere Anwendungsgebiete“ meinen?« Pauline gab ihm unwillig zu verstehen, dass sie hören wollte, was Meister Ivarius noch zu sagen hatte.
»Vor allem aber müsst ihr darauf achten«, fuhr er fort, »dass ihr die Stäbe nie in den Zwischenräumen verliert. Dann wäret ihr erst einmal im Zwischenraum gefangen. Sie bewirken, dass ihr euren Zielort unbehelligt erreichen könnt. Euch wiederzufinden, würde eine unnötige Suche bedeuten, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Eine Arbeit, auf die meine Kollegen und ich gerne verzichten.« 
Damit schloss Meister Ivarius das Kapitel „Translocostäbe“ zunächst einmal ab und wandte sich dem eigentlichen Thema der Stunde zu.
»Nun, meine Herrschaften, kommen wir zur Telekinese. Mir obliegt es an dieser Schule, alle, die hierher kommen, egal ob begabt oder unbegabt, mit der Kunst der Telekinese vertraut zu machen.« Er schickte einen Blick durch die Klasse, als wollte er die Unbegabten direkt von vornherein aussortieren. »Kann mir einer sagen, was Telekinese bedeutet?«
Einige der Schüler blickten ratlos, andere schienen schon eine gewisse Vorstellung davon zu haben, wenn auch nur äußerst vage. 
So fühlte sich Meister Ivarius genötigt, einen längeren Vortrag zu halten. Selbstverständlich erwartete er dabei, dass alle fleißig Notizen machten. 
Anschließend entstand eine muntere Diskussion über das Schweben-lassen-können bestimmter Gegenstände und auch über das Selber-schweben-können, das die Phantasien der Schüler anstachelte. Das war schon eine tolle Sache. Aber wie funktionierte das? Was brauchte man dazu, um diese exotische Art der Fortbewegung richtig hinzubekommen?
»Man benötigt zwei Dinge«, dozierte Meister Ivarius. Gebannt hingen die Schüler an seinen Lippen. Alle wollten so schnell wie möglich in den Genuss des Schwebens kommen. Meister Ivarius war anzuspüren, wie er die ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, die ihm hier zuteil wurde.
»Ihr braucht den richtigen Motus Magicus. Und hier gilt es, Folgendes zu unterscheiden.« Seine grünen Augen blickten so intensiv auf die Schüler, als wollte er seine Worte in ihre Gehirne hineinzementieren. »Zwischen dem corporis motus magicus und dem res motus magicus. Kann mir jemand sagen, was der Unterschied ist?«
Sein Kopf bewegte sich heftig hin und her. Dabei unterstrich seine spitze Nase in besonderer Weise die Richtung seines Blickes.
»Herr Rübensamen in der letzten Bank, bitte schön«, rief er quer durch die Klasse. Hubert Rübensamen wollte zeigen, dass er aufgepasst hatte, und antwortete schnell: »Ich glaube, das hat etwas mit mir zu tun«.
»Sehr gut, sehr gut, das sind ja richtige Gedankenblitze! DAS HAT ETWAS MIT MIR ZU TUN«, ließ er die Worte genüsslich auf der Zunge zergehen. Diese Antwort entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen.
»Hatte ich vorhin nicht gesagt, Herr Rübensamen, dass du in dieser Stunde ganz besonders aufpassen solltest? Und dann kommt so ein Billiges, „Das hat was mit mir zu tun“! Ich fragte nach der unter-schiedlichen Bedeutung, die in den beiden Befehlen liegen könnte.« Meister Ivarius hatte sein Kinn herausfordernd vorgestreckt, wodurch der arme Schüler immer unsicherer wurde. 
Da keine weitere substantielle Antwort folgte, fuhr er mit dem Unterricht fort und begann, die Specifica der beiden Sprüche zu beschreiben. 
»Es handelt sich hier um zwei verschiedene Kategorien. Einmal geht es darum, Körper zum Schweben zu bringen. Mit Körper meine ich lebende Körper. Und bei der anderen Kategorie geht es um Gegenstände. Wo geht es um Gegenstände?«, Meister Ivarius‘ Augen richteten sich gefährlich auf Ottokar, der sich voll auf Justus und seine Freunde konzentrierte. Seine Mimik zeigte, dass er irgendwas ausheckte. »Herr Driessen, na, bei welcher Kategorie geht es um Gegenstände, Dinge oder Sachen? Was meinen Sie wohl?«
Ottokar lief rot im Gesicht an und wusste überhaupt nicht, was Sache war. Edelmund versuchte ihm aus der Patsche zu helfen und flüsterte: »Res motus magicus.« Es war zu leise für Ottokar, so bekam er nur die Hälfte mit. »Res moticus«, stieß er hilflos hervor. Sofort brach ein Donnerwetter über ihn herein. 
»WAS GLAUBST DU, WARUM ICH ZU BEGINN DER STUNDE KLARE VERHALTENSWEISEN KUNDGETAN HABE?«, brüllte Meister Ivarius mit Erdbebenlautstärke los. »DAMIT SOLCHE NULLEN WIE DU, WÄHREND MEINER REDE DURCH DIE GEGEND GLOTZEN UND IHREN SCHWACHSINNIGEN GEDANKEN NACHHÄNGEN? Bis zur nächsten Stunde will ich von dir ein minutiöses Verlaufsprotokoll unaufgefordert vorgelegt bekommen.«
Ottokar wäre fast unter den Tisch gerutscht, so verschreckte ihn der Wutausbruch. Er versuchte sich zusammenzunehmen und schlug eine neue Seite in seinem Heft auf, um schnell mit dem Protokoll zu begin-nen. Jetzt hieß es wirklich kein Wort mehr zu verpassen, schließlich wollten sie in der nächsten Stunde nicht noch mehr aufgebrummt bekommen.
An alle gewendet fuhr Meister Ivarius fort: »Wie ich schon sagte, wir haben es mit dem Res motus magicus und dem Corporis motus magicus zu tun. Und die Befehle hierfür lauten corpus move! und res move!«
Prüfend, ob auch alle seinen Ausführungen folgten, flog sein strenger Blick über die verschreckte Schülerschar, die nach diesem Donnerwetter einigermaßen brav in den Bänken saß.
»Hierbei kommt es nun zum Gebrauch eures magischen Stabes. Ihr habt jetzt die Möglichkeit zu lernen, wie ihr richtig mit ihm umzugehen habt. Vor allem die richtige Handhaltung ist von ÄUßERSTER Wichtigkeit. Denn nur wer den Stab mit Lockerheit bedient, kann die Energie fließen lassen. Die Energie ist wie bei so vielem auch in diesem Fall alles! Einfach alles!«
Bei seinem ganzen Vortrag war er ständig gestikulierend hin und her gewandert, um dadurch die Bedeutung seiner Worte zu unterstreichen.
»Und ein Drittes und Letztes: Die Bewegung, die geschehen soll, müsst ihr wollen. WOLLEN! meine Herrschaften. Das ist das Wichtigste, das Allerwichtigste in der Telekinese. So, und nun werden wir das ausprobie-ren. Nehmt euch einen Gegenstand vor und versucht es. Los, los!«
Jeder nahm seinen magischen Stab in die Hand und versuchte ihn in aller Lockerheit zu handhaben, wie es Meister Ivarius gesagt hatte. 
Frederic, ein für sein Alter recht klein geratener Schüler, ließ den Stab so heftig in seiner rechten Hand federn, dass er vor lauter Auf-und Abfedern auf den Boden fiel. Das mit dem „nicht zu fest halten“ hatte er zu ernst genommen.
»Ich habe nicht gesagt, ihr sollt den Stab durch die Klasse werfen«, grollte Meister Ivarius, dem das Missgeschick nicht verborgen blieb. »Nur leicht festhalten. Die Energie soll fließen können. Und richtet eure Versuche nun auf keinen Fall auf einen lebendigen Körper, sondern nur auf eine Sache.«
Von allen Seiten war nun »Res move« zu hören, wenn auch nicht immer in der richtigen Betonung. »Es heißt „Res move“ und nicht „Ress movve“. Und nicht so verkrampft, wenn ich bitten darf.«
Erik meinte schon ein leichtes Kribbeln in seiner Hand zu spüren. Er blickte gespannt auf sein Versuchsobjekt, einen alten verstaubten Globus, der oben auf einem der Regale stand. Nun murmelte er das alles entscheidende Wort: „Res move.“ Dabei achtete er besonders auf das Singen in der Stimme. Er bewegte seinen Translocostab vorsichtig nach oben und schon schwebte der Globus leicht über dem Regal. Da er nicht ganz aufmerksam war, fiel die Kugel nach einem kurzen Hin und Her sofort wieder auf ihren Platz zurück. Er versuchte es ein zweites Mal. »Res move!«
Der zweite Versuch, bei dem er mit dem Stab eine etwas größere Bewegung vollführte, gelang besser. Der Globus hob sich, schwebte einen Moment in der Luft und kam dann mit Schwung auf das Lehrerpult heruntergesaust.
Meister Ivarius sah ihn rechtzeitig kommen und vollführte einen Sprung zur Seite. Blitzschnell streckte er seinen Stab in Richtung Globus und brachte ihn auf dem Pult zur Landung. Wütend blickte er auf die Schüler und versuchte, den Urheber ausfindig zu machen. Da aber alle heftigst mit den Übungen zugange waren, konnte er keinen „Übeltäter“ finden.
Justus konnte bei seinen Bemühungen ebenfalls einen Erfolg verbuchen, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Seine Versuchsobjekte waren die Bücher, die auf seinem Pult lagen. Er wollte sie auf Eriks Pult befördern. So brachte er mit einem leisen „Res move“ gleich drei Bücher auf einmal zum Abheben. Sie schwebten über dem Pult, schwankten mehrfach hin und her und beschrieben kleine Kreise. Im nächsten Augenblick aber, Justus hatte seine telekinetische Kraft nicht ganz unter Kontrolle, vollführten sie eine schwungvolle Bewegung und jagten in Richtung Rundbogenfenster hinter dem Lehrerpult davon. Hätte Meister Ivarius nicht geradezu „meisterlich“ reagiert und, nachdem er den Globus von Erik auf dem Pult platziert hatte, zugleich auch die Flugbahn der Bücher beeinflusst, so wäre er nicht nur getroffen worden, sondern es hätte auch noch einen fürchterlichen Crash gegeben.
»SEID IHR DENN VON ALLEN GUTEN GEISTERN VERLASSEN?«, brüllte er. »DAS PASSIERT, WENN MAN WAGHALSIG IST!« Seine Augen sprühten Funken. Justus musste Acht geben, dass er wegen der verrückten Situation keinen Lachanfall bekam. Denn bei seinen schnellen Bewegungen, mit denen sich Meister Ivarius in Sicherheit bringen musste, verhedderte er sich völlig in seiner besonders falten-reichen Kukulle und musste nun alle Mühe aufwenden, sie wieder in Ordnung zu bringen. Mit hochrotem Kopf blickte er wütend auf die Schüler. Er stand mächtig unter Dampf!
»DAS IST JA HIER EIN SAUHAUFEN! ICH HABE DEN EINDRUCK, ALS KÖNNTE ICH MEINE ANWEISUNGEN AUCH GEGEN WÄNDE REDEN! Herrschaften, ihr müsst ÄUSSERSTE Konzentration und Vorsicht walten lassen!«
Da aber noch ungeübte Anfänger vor ihm saßen, hatte er ein Einsehen und beruhigte sich ebenso schnell, wie er sich erregt hatte. Letztlich schien er Verständnis für die kleinen Missgeschicke zu haben.
Martin war bei dieser Übungseinheit überhaupt nicht mehr zu sehen. Ihm war beim Ausprobieren vor lauter Aufregung sein Stab entglitten und auf und davon gerollt. Jetzt kroch er unter dem Tisch herum und suchte nach dem guten Stück.
Über ihm flogen die verschiedensten Gegenstände durch die Klasse, wobei sich Flugbahnen kreuzten, und einige alte Gegenstände unter lautem Getöse zu Bruch gingen. Ein mittleres Chaos war die Folge und versetzte die Schüler in helle Aufregung.
»Okay meine Damen und Herren, stopp! Lasst es gut sein.« Meister Ivarius machte dem Durcheinander ein Ende und mit zwei, drei Bewegungen hatte er alle Flugobjekte wieder auf die angestammten Plätze befördert.
Mit einem kritischen Blick fuhr er fort: »Wir werden die Inhalte nun kurz zu Papier bringen, damit ihr sie euch für die nächste Stunde nochmals durcharbeiten könnt.«
Er vollführte mit seinem Translocostab einige kunstvolle Bewegungen und zauberte die wichtigsten Informationen an die Tafel.
»Übrigens: An eurer Stelle würde ich diese Art des Schreibens nicht versuchen nachzuahmen. Ich möchte nämlich nicht, dass ihr mir hier die ganze Tafel zerkratzt. Diese Zeichen mit dem Stab lernt ihr noch früh genug.«
Martin hatte den Hinweis überhört. Fasziniert von der kleinen Vorfüh-rung versuchte er, direkt seinen Stab einzusetzen. Dabei unterlief ihm natürlich ein Fehler. Er schrieb nicht in sein Heft, sondern brachte auf der Tafel nur ein Gekrakel zustande, mitten hinein in den Text, den Meister Ivarius angeschrieben hatte. So kam, was kommen musste.
»Was habe ich gerade gesagt?!«, kam es ungehalten von vorne. Meister Ivarius‘ Kukulle wehte unheilvoll. »WER KONNTE ES DA NICHT ABWARTEN?«
Seine Augen funkelten, als er über die Schar der Schüler sah. »Na, will sich der Übeltäter nicht melden?«
Erik und Pauline ärgerten sich über Martins Aktion, andere Schüler be-gannen zu feixen. Meister Ivarius blickte sofort in ihre Richtung. Martin fühlte sich ertappt und hob zögerlich mit hochrotem Kopf die Hand.
»Aha, dachte ich mir‘s doch. Das konnte nur ein solches Früchtchen wie du sein.« Peinlich! Martin wäre am liebsten unterm Tisch versunken. »Du wirst bis zur nächsten Stunde alles heute Gelernte in einer fünfseitigen Zusammenfassung zu Papier bringen. Da kannst du von mir aus mit deinem Stab üben so viel du willst.« Mit einem Wisch hatte er seinen angeschriebenen Text von Martins Kritzeleien befreit.
»Die Aufgaben bis zur nächsten Stunde sind erstens, sich in der Bibliothek über die theoretischen Grundlagen in Kenntnis zu setzen und zweitens: üben, üben und nochmals üben.« 
Sekunden später gongte es zum Ende der Stunde. Froh, diese erste Stunde in Sachen Telekinese ohne weitere Schimpftiraden hinter sich gebracht zu haben, verließen alle schleunigst das Telekinarium.
...



© Dr. Martin Zielinski 2016