Leseprobe: Die Abfahrt

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Die Abfahrt

Lautes Geklapper, ein heulender Motor und quietschende Reifen, alles zusammen ein Krach, dass es in den Ohren dröhnte. Ein Bus oder besser das, was hier als „Bus“ bezeichnet werden konnte, war um die Ecke gebogen. Was für eine vorsintflutliche Kiste! Entsetzen spiegelte sich in Paulines Gesicht, während Justus das Ungetüm interessiert bestaunte. Auch ihre Mütter schauten irritiert auf das Vehikel. »Ist das der Bus, der bis nach Greifenstein fahren soll?«, fragte Justus’ Mutter ungläubig. Es war, als hätte das Internat zur Einsammlung seiner neuen Zöglinge sein ältestes Exemplar aus der Garage geholt. Der Motor spuckte und hustete, als könnte er dafür eine Auszeichnung bekommen, und bei jedem Spucken ging ein Zittern durch die Motorverkleidung.
Das Gefährt sah ungewöhnlich aus, jedenfalls nicht wie ein herkömm-licher Bus. Er hatte eine unglaublich große Schnauze, wo anscheinend der Motor untergebracht war, denn hier klapperte und zitterte es richtig heftig. Das konnte heiter werden. Hinter dem Bus befand sich noch ein fensterloser Anhänger, der wohl das Gepäck aufnehmen sollte.
Wie mochten die anderen Schüler, die schon in dem Bus saßen, die Fahrt bis hierher überstanden haben? Einige bleiche Gesichter schauten neugierig zu den Fenstern heraus.
Mit einem lauten Plock flog die Tür auf.
Zu sehen waren auf den ersten Blick nur vier hohe Stufen, die steil in den Bus hineinführten. Auf der obersten Stufe konnten die Draußenstehen-den ein Paar übergroße, schwarze Schuhe erblicken und den unteren Teil eines langen schwarzen Mantels.
Langsam stiegen die Schuhe die Stufen hinunter, und ein Mann mit einem langen, dichten Bart trat den Wartenden entgegen.
»Ssibelluss Aborigor«, zischte es aus dem Mund des Mannes, der sich bei seiner Begrüßung leicht verbeugte. Er war wohl der Fahrer dieses Vehikels.
Der schwarze Mantel, an einigen Stellen fleckig und die Taschen tief ausgebeult, hatte wohl schon bessere Tage gesehen. »Meister Grumma-ritsch von den sieben Türmen schickt mich, die Kinder nach Greifenstein zu bringen.«
Der Bart, schwarz wie sein Mantel, hing ihm bis zum Bauch herab. Das Besondere an diesem Bart war der schmale weiße Streifen, der sich von seinem Kinn bis in die Spitze des Bartes hinabzog.
Auf seinem Kopf prangte im Gegensatz zu seinem Bart nur eine recht dünne Haarpracht. Sie glich eher einem wirren Gestrüpp, dessen Äste in alle Himmelsrichtungen zeigten. Hinten am Kopf reichten sie wie ein ausgefranster Zottelbart über den welligen Mantelkragen. Aus seinem Gesicht ragte eine große Hakennase. Vertrauenserweckend konnte man diese Erscheinung nicht nennen. Aber irgendwie sah sie lustig aus.Der Bus, der Fahrer, die ganze Situation amüsierten Justus so sehr, dass er drauf und dran war loszuprusten. In seinem Gesicht zuckte es jedenfalls verräterisch.
Der Fahrer war inzwischen hinter dem Bus verschwunden und öffnete mit einem großen Vierkantschlüssel den Anhänger, um Justus und Pauline zu helfen, ihre Koffer und Taschen darin zu verstauen.
Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete er Paulines Gepäck. »Willssst wohl eine Weltreisse machen«, zischelte er, zuckte zweimal mit der Nase und grummelte Unverständliches in seinen Bart. Kaum war das Gepäck versorgt, wandte er sich um und war wie der Blitz auf seinem Fahrersitz hinter einem Lenkrad, so groß wie ein Wagenrad, verschwunden.
Pauline und Justus blieb überhaupt keine Zeit sich zu wundern, denn schon erscholl von drinnen seine Stimme: »Einsssteigen bitte«. Die beiden mussten sich rasch von ihren Müttern verabschieden, was viel-leicht auch gut so war. Schnell sprangen sie die Stufen in den Bus hinauf. Sie nahmen die beiden letzten freien Plätze in Beschlag, die zum Glück nebeneinanderlagen. 
Im nächsten Augenblick röhrte der Motor auf, und los ging die Fahrt.
Justus und Pauline sahen sich entgeistert an. Da hatten sie sich auf etwas eingelassen! Zunächst saßen sie jedoch gut und konnten sich den anderen Neulingen zuwenden, die um sie herumsaßen.
Hier und da hörten sie Schüler locker durcheinander reden, andere dösten vor sich hin, was sicher einer sehr frühen Abfahrtszeit geschuldet war.
Inzwischen hatte der Bus den Autobahnanschluss erreicht. Hier kannte sich Justus recht gut aus. Um auf die Autobahn zu gelangen, musste der Bus einen großen Verteilerkreis umrunden. Doch was war das?
Der Bus fuhr an der Abzweigung zur Autobahn vorbei. 
Der Fahrer wählte eine Ausfahrt, die Justus noch nie gesehen oder besser nie wahrgenommen hatte. Eine schmale Straße mit rissigem Teerbelag führte schnurgeradeaus.
Mit ziemlichem Karacho steuerte der Fahrer den Bus in die schmale Spur und gab Vollgas. 
Justus stieß Pauline in die Seite. »Sieh dir das an! Ist der vollkommen verrückt? Hier kann man doch nicht fahren.«
Er lehnte sich in den Gang hinaus, um die Straße besser sehen zu können.
Geradeaus waren zwei rote Leuchten zu erkennen, die über der Erde schwebten, gerade so weit voneinander entfernt, dass der Bus so eben hindurchpasste.
Dazwischen flirrte die Luft auf wunderliche Weise von unten nach oben. Es hatte den Anschein, als wäre sie zwischen den roten Leuchten erhitzt.
Der Bus fuhr mit Vollgas auf die Leuchten und das Flirren zu. Justus hielt die Luft an, gespannt, was jetzt passieren würde.
Noch wenige Meter und sie waren mit einem lauten sirrenden WASAUCHIMMERESWAR durch die beiden Lichter hindurch geschos-sen. Es fühlte sich an, als wären sie katapultiert worden.
»Allesss in Ordnung?«, klang es von vorne. »Wir haben nur gerade ein Temploctor passiert, ein so genanntes Zeit-Raum-Tor. Keine Angst, wir sind unserem Ziel dadurch ein erhebliches Stück nähergekommen.« 
...



© Dr. Martin Zielinski 2016